Jonas spielt in der Bauecke. Er hat lange an einem Turm gebaut. Plötzlich kommt ein anderes Kind dazu und stößt ihn um. Innerhalb von Sekunden schreit Jonas laut, wirft Bauklötze durch den Raum und stößt das andere Kind weg. Auch als die Situation längst geklärt ist, bleibt er aufgebracht und lässt sich kaum beruhigen.
Wie fühlt sich dieses Kind, das von seinen eigenen Emotionen überwältigt wird? Und wie können Fachkräfte damit umgehen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Studientag zum Thema „Sozial-emotionales Handicap bei Kindern im Vorschulalter“, zu dem alle pädagogischen Fachkräfte der Kindertageseinrichtungen der Gemeinde Losheim am See am 17. März in den Saalbau eingeladen waren. Organisiert wurde die Pflichtveranstaltung von Silke Mertes, die die Gesamtleitung der Kindertageseinrichtungen in Losheim innehat.
Wenn Verhalten zur Herausforderung wird
Im Alltag der Kitas zeigt sich: Kinder mit herausforderndem Verhalten begegnen Fachkräften immer häufiger. Sie wirken unruhig, impulsiv oder reagieren scheinbar über – vom „Zappelphilipp“ bis zum „jungen Wilden“. Für die pädagogischen Teams bedeutet das: genau hinschauen, Ursachen verstehen und angemessen handeln. Nur so können sie allen Kindern gerecht werden.
Fachwissen verständlich erklärt
Für den Studientag konnten zwei erfahrene Referierende gewonnen werden: Herr Dipl.-Psych. Klaes und Frau Wagner vom Institut für Konstruktive Psychologie (ifkp). Am Vormittag vermittelten sie grundlegendes Wissen: Woran erkennt man ein sozial-emotionales Handicap? Wo liegen Abgrenzungen zu anderen Auffälligkeiten wie ADHS? Und warum sind Diagnosen oft nicht eindeutig?
Ein zentrales Bild prägte den Einstieg: Kinder mit sozial-emotionalem Handicap haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu erkennen, zu benennen und zu steuern. Wut, Angst oder Frustration können sie kaum regulieren. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, sich in andere hineinzuversetzen oder angemessen auf soziale Situationen zu reagieren.
Wenn das Gehirn anders reagiert
Die Referierenden machten deutlich: Dieses Verhalten ist kein Trotz und keine Frage der Erziehung. Es hat neurophysiologische Ursachen. Vereinfacht gesagt arbeitet bei diesen Kindern die „Alarmanlage“ im Gehirn besonders schnell und intensiv. Schon kleine Auslöser fühlen sich wie eine Bedrohung an. Gleichzeitig ist der Bereich, der Gefühle beruhigt, noch nicht ausreichend entwickelt – vor allem unter Stress. Ein anschauliches Beispiel: ein Rauchmelder. Er schlägt schon bei kleinsten Reizen Alarm und braucht lange, bis er sich wieder beruhigt.
Verstehen statt bewerten
Diese Erkenntnis verändert den Blick auf das Verhalten der Kinder grundlegend. Es geht nicht um „Wollen“, sondern um „Nicht-Können“. Kinder brauchen Unterstützung, um ihre Gefühle zu regulieren. Was hilft, sind stabile Beziehungen und verlässliche Begleitung. Eine ruhige Ansprache, klare Worte für Gefühle und Nähe geben dem Kind Sicherheit. Schritt für Schritt lernt das Gehirn so, besser mit Stress umzugehen.
Besonders wichtig: Sozial-emotionale Schwierigkeiten sind keine vorübergehende Phase. Sie hängen häufig mit frühen Belastungen, etwa in den ersten Lebensjahren, zusammen. Frühzeitige Unterstützung ist deshalb entscheidend. Die Kinder benötigen echte Zeit und Aufmerksamkeit, insbesondere natürlich in Ihrem Elternhaus.
Praxisnaher Blick am Nachmittag
Nach dem intensiven Vormittag nutzten die Teilnehmenden die Mittagspause für Gespräche. Bei Suppe und Kaffee tauschten sie Erfahrungen aus und reflektierten das Gehörte. Am Nachmittag stand die praktische Arbeit im Mittelpunkt. Frau Wagner vom ifkp knüpfte an die Inhalte des Vormittags an und zeigte konkrete Ansätze für den Kita-Alltag.
Viele Kinder haben keine klare Diagnose, benötigen aber dennoch Unterstützung. Hier gilt: weniger Reize, mehr Nähe. Eine gute Fachkraft-Kind-Beziehung, ein verlässlicher Rahmen und Präsenz im Alltag machen den Unterschied. Auffällig ist oft ein extremes Verhalten – entweder sehr viel oder sehr wenig. Zwischenstufen fehlen. Auch körperliche Signale wie Hunger, Durst oder Kälte können diese Kinder schwer einschätzen.
Bindung als Schlüssel
Ein zentraler Faktor ist die Bindung. Während Kinder ohne Auffälligkeiten etwa gleich viel Struktur und Bindung brauchen, benötigen betroffene Kinder deutlich mehr Beziehung: etwa 80 Prozent Bindung und 20 Prozent Struktur. Das bedeutet: verlässliche Bezugspersonen, die Sicherheit geben. Denn ein gestresstes Gehirn ist kaum erreichbar. Erst wenn sich ein Kind sicher fühlt, kann es lernen und reagieren.
Herausforderungen für Fachkräfte
Diese intensive Begleitung fordert die Fachkräfte stark. Viele erleben eine hohe Belastung bis hin zur Erschöpfung. Gute Psychohygiene und Unterstützung im Team sind deshalb unverzichtbar.
Auch äußere Rahmenbedingungen spielen eine große Rolle. Eine enge Zusammenarbeit mit Eltern und ein funktionierendes Netzwerk zu externen Unterstützungs- und Hilfeangeboten sind entscheidend. Gleichzeitig stoßen viele Einrichtungen hier an Grenzen, z. B. durch Personalmangel, fehlende Zeitressourcen oder auch, weil man manchen dieser Kinder aufgrund der Rahmenbedingungen wie Gruppengrößen, Fachkraft-Kindschlüssel, nicht gerecht werden kann.
Mediennutzung kritisch im Blick
Ein weiteres Thema war der Einfluss digitaler Medien. Je jünger die Kinder, desto weniger Bildschirmzeit brauchen sie. Studien zeigen jedoch, dass viele Kinder bereits viel zu früh und oft ungefiltert mit digitalen Medien in Kontakt kommen – mit möglichen Folgen für ihre Entwicklung.
Stimmen der Teilnehmenden
Der Studientag wurde als echte Bereicherung wahrgenommen. „Der Studientag hat uns die Augen geöffnet. Gerade die Beispiele haben gezeigt, wie wir Verhalten besser verstehen können. Das hilft enorm im Alltag“, so das Fazit einer pädagogischen Fachkraft. Eine Auszubildende äußerte sich ebenfalls positiv: „Solche Themen kommen in der Ausbildung viel zu kurz. Umso wichtiger sind solche Fortbildungen – wir wünschen uns auf jeden Fall eine Fortsetzung.“
Begeistert, motiviert und auch ein wenig erschöpft von dem Input ging man nach Hause. Interessante Inhalte und wertvolle Praxiserfahren öffneten neue Horizonte für die Arbeit mit schwierigen Kindern im pädagogischen Alltag.


